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Introspektion ist kein Rückzug.  Sie ist ein feines Austarieren innerer Bewegung.

Sie verlangt Stille, nicht Schweigen — ein differenziertes Horchen ins eigene Denken — das eigene Denken wie ein fremdes zu betrachten — mit Abstand, aber nicht ohne Nähe.

„Erkenne dich selbst“, forderte Sokrates,

nicht als Parole, sondern als Zumutung.

Wer sich selbst sieht, wie er ist, erkennt auch, was er sein könnte. Dies verlangt Mut zur Unschärfe: das Aushalten innerer Ambivalenz, ohne sie vorschnell aufzulösen. In ihr liegt kein Heil, aber Haltung—eine leise, unbeirrbare Art, gegen die Täuschungen der Oberfläche gewappnet zu sein.

Montaigne sagte: „Ich wende mein ganzes Wesen auf mich selbst.“

Dies ist keine Flucht, sondern Realismus: Wer sich nicht durchdringt, bleibt den Umständen ausgeliefert.

Im Inneren liegt kein Kern, sondern ein Spiegelkabinett. Introspektion bedeutet, die Verzerrungen zu erkennen, nicht sie zu tilgen. So entsteht jene seltene Klarheit, die weder naiv noch selbstgefällig ist, sondern wach—und verantwortlich.