Gestaltungssprozess: 

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Grundlagen des Gestaltungsprozesses

Definition und Bedeutung

Der Gestaltungsprozess bezeichnet die systematische Abfolge von Arbeitsschritten, die von einer Ausgangsfrage oder einem Problem zu einer gestalterischen Lösung führen. Er ist das methodische Rückgrat professioneller Gestaltungsarbeit und unterscheidet diese von rein intuitivem oder willkürlichem Vorgehen.

Die Bedeutung eines strukturierten Prozesses liegt in mehreren Faktoren:

  • Er reduziert das Risiko von Fehlentscheidungen
  • Er macht gestalterische Arbeit nachvollziehbar und argumentierbar
  • Er ermöglicht eine realistische Zeit- und Ressourcenplanung
  • Er schafft eine gemeinsame Arbeitsgrundlage für Teams
  • Er erlaubt die systematische Evaluation von Zwischenergebnissen

Historische Entwicklung prozessualen Denkens in der Gestaltung

Die Vorstellung eines systematischen Gestaltungsprozesses ist historisch gewachsen. Bereits die Bauhaus-Pädagogik der 1920er Jahre betonte die Verbindung von handwerklicher Ausbildung und systematischer Formfindung. In der Nachkriegszeit entwickelte sich insbesondere an der Hochschule für Gestaltung Ulm (1953-1968) ein methodenorientierter Designansatz, der Gestaltung als wissenschaftlich fundierte Problemlösungsdisziplin verstand.

Die Ulmer Schule unterschied bereits zwischen Analysephase, Entwurfsphase und Realisierungsphase. Diese Dreiteilung wurde in der Folgezeit von verschiedenen Theoretikern ausdifferenziert. Das heute verbreitete Verständnis eines mehrstufigen Gestaltungsprozesses verdankt wesentliche Impulse der Designmethodologie-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre sowie der Übertragung von Erkenntnissen aus der Kognitionspsychologie und Problemlöseforschung auf gestalterische Fragestellungen.

Prozessmodelle im Überblick

Neben dem hier dargestellten siebenstufigen Modell existieren verschiedene andere Prozessbeschreibungen. Das britische Design Council propagiert beispielsweise das „Double Diamond“ Modell mit den Phasen Discover, Define, Develop und Deliver. Andere Modelle unterscheiden zwischen Problemlösungsprozess, kreativem Prozess und Produktionsprozess.

Allen Modellen gemeinsam ist die Unterscheidung zwischen einer Phase der Problemdefinition, einer Phase der Ideenfindung und einer Phase der Ausarbeitung. Ebenso findet sich in fast allen Modellen die Unterscheidung zwischen divergenten und konvergenten Phasen – also zwischen öffnenden, viele Möglichkeiten generierenden Arbeitsschritten und schließenden, Entscheidungen herbeiführenden Schritten.


Phase 1: Recherche

Zielsetzung der Recherchephase

Die Recherche bildet den Ausgangspunkt jedes professionellen Gestaltungsprozesses. Ihr Ziel ist die systematische Sammlung aller Informationen, die für die spätere Gestaltungsaufgabe relevant sein könnten. In dieser Phase geht es um Quantität vor Qualität: Zunächst wird ein möglichst breites Informationsfundament geschaffen, aus dem später die relevanten Aspekte extrahiert werden.

Die Recherchephase beantwortet grundlegende Fragen:

  • Wer ist die Zielgruppe der Gestaltung?
  • In welchem Kontext wird das Gestaltungsobjekt wahrgenommen?
  • Welche technischen Rahmenbedingungen sind zu beachten?
  • Welche gestalterischen Lösungen existieren bereits?
  • Welche inhaltlichen Anforderungen stellt der Auftraggeber?

Recherchemethoden

Je nach Gestaltungsaufgabe kommen unterschiedliche Recherchemethoden zum Einsatz:

Primärrecherche bezeichnet die Erhebung neuer, originärer Daten. Dazu gehören:

  • Interviews mit Auftraggebern, Nutzern oder Experten
  • Beobachtungen des Nutzungsverhaltens
  • Fotografische Dokumentation des Umfelds
  • Eigene Messungen oder Datenerhebungen

Sekundärrecherche nutzt bereits vorhandene Quellen:

  • Analyse von Wettbewerberprodukten
  • Studium von Fachpublikationen und Trendreports
  • Sichtung von Archiven und Datenbanken
  • Marktforschungsdaten und Statistiken

Desk Research bezeichnet die Arbeit am Schreibtisch mit vorhandenen Materialien, während Field Research die Erhebung vor Ort bedeutet.

Gegenstandsbereiche der Recherche

Eine umfassende Recherche berücksichtigt mehrere Dimensionen:

Auftragsbezogene Recherche: Klärung der Anforderungen des Auftraggebers, des Budgets, der zeitlichen Rahmenbedingungen und der gewünschten Ergebnisse.

Zielgruppenbezogene Recherche: Demografische Daten (Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen), psychografische Merkmale (Werte, Einstellungen, Lebensstile) und Verhaltensmerkmale (Mediennutzung, Kaufverhalten, Informationsverhalten) der Adressaten.

Inhaltsbezogene Recherche: Vertiefung in das Thema, um das es inhaltlich geht. Bei der Gestaltung einer Publikation über erneuerbare Energien gehört dazu das Verständnis der technischen Grundlagen ebenso wie die Kenntnis der politischen Diskussion.

Kontextbezogene Recherche: Untersuchung des Umfelds, in dem die Gestaltung wirken soll. Dazu gehören räumliche Gegebenheiten, mediale Umgebungen, zeitliche Faktoren und kulturelle Besonderheiten.

Konkurrenz- und Umfeldanalyse: Sichtung bereits existierender Gestaltungslösungen im relevanten Bereich. Dies dient nicht der Nachahmung, sondern der Positionsbestimmung und der Vermeidung von Redundanzen.

Dokumentation der Rechercheergebnisse

Die gesammelten Informationen müssen systematisch dokumentiert werden. Bewährt haben sich:

  • Rechercheprotokolle mit Quellenangaben
  • Themencluster und Mindmaps
  • Bildsammlungen und Moodboards
  • Zitatsammlungen und Exzerpte
  • Fotodokumentationen

Die Dokumentation dient nicht nur der eigenen Orientierung, sondern auch der Kommunikation mit Auftraggebern und Teammitgliedern. Sie ist die Grundlage für die folgende Analysephase.


Phase 2: Analyse

Vom Sammeln zum Ordnen

Während die Recherchephase primär sammelnd und öffnend arbeitet, beginnt in der Analysephase das Ordnen, Gewichten und Interpretieren. Aus der Fülle des gesammelten Materials werden die für die Gestaltungsaufgabe relevanten Informationen extrahiert und zueinander in Beziehung gesetzt.

Die Analysephase beantwortet die Frage: „Was bedeuten die gesammelten Informationen für unsere Gestaltungsaufgabe?“

Analysemethoden

SWOT-Analyse: Die aus der strategischen Planung stammende Methode untersucht Stärken (Strengths), Schwächen (Weaknesses), Chancen (Opportunities) und Risiken (Threats). Auf Gestaltungsaufgaben übertragen, können damit sowohl das zu gestaltende Objekt als auch der Auftraggeber oder die Wettbewerbssituation analysiert werden.

Zielgruppenanalyse: Die demografischen und psychografischen Daten werden zu einem präzisen Bild der Adressaten verdichtet. Methoden wie die Persona-Bildung helfen, aus statistischen Daten lebendige, handlungsleitende Zielgruppenmodelle zu entwickeln.

Inhaltsanalyse: Das thematische Material wird auf seine Struktur hin untersucht. Welche Haupt- und Nebenaspekte gibt es? Welche Hierarchien sind erkennbar? Welche Inhalte müssen priorisiert werden?

Kontextanalyse: Die Untersuchung des Umfelds führt zu Erkenntnissen über Nutzungssituationen, Wahrnehmungsbedingungen und mediale Besonderheiten. Ein Plakat im öffentlichen Raum unterliegt anderen Wahrnehmungsbedingungen als eine Broschüre am Schreibtisch.

Wettbewerbsanalyse: Die gesichteten Gestaltungslösungen der Konkurrenz werden systematisch verglichen. Welche gestalterischen Strategien verfolgen andere? Wo liegen deren Stärken und Schwächen? Welche Positionierungsmöglichkeiten ergeben sich daraus?

Erkenntnisgewinn und Problemdefinition

Das Ergebnis der Analysephase ist eine präzise Formulierung der Gestaltungsaufgabe als Problemstellung. Diese Problemdefinition sollte folgende Elemente enthalten:

  • Eine Beschreibung der Ausgangssituation
  • Eine Benennung der Zielgruppe
  • Eine Formulierung der zu lösenden gestalterischen Herausforderungen
  • Eine Abgrenzung dessen, was nicht zum Aufgabenbereich gehört

Die Qualität dieser Problemdefinition entscheidet maßgeblich über den weiteren Prozess. Ein präzise formuliertes Problem lässt sich leichter lösen als ein vages oder zu weit gefasstes.

Briefing und Rebriefing

In vielen Fällen mündet die Analysephase in ein überarbeitetes Briefing. Während das Ausgangsbriefing des Auftraggebers oft vor der Recherche vorliegt, ermöglicht das Rebriefing eine Präzisierung auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse.

Ein professionelles Rebriefing:

  • Bestätigt das Verständnis der Aufgabenstellung
  • Korrigiert gegebenenfalls Missverständnisse
  • Ergänzt fehlende Aspekte
  • Macht Annahmen explizit
  • Schafft eine verbindliche Arbeitsgrundlage

Phase 3: Strategie

Definition und Bedeutung der Gestaltungsstrategie

Die Strategiephase übersetzt die Analyseergebnisse in handlungsleitende Vorgaben für die Gestaltung. Sie beantwortet die Frage: „Auf welchem Weg erreichen wir unsere gestalterischen Ziele?“

Eine Gestaltungsstrategie ist kein konkreter Entwurf, sondern ein Rahmen, der die späteren Entwurfsentscheidungen leitet. Sie schafft Verbindlichkeit, ohne die gestalterische Freiheit übermäßig einzuschränken. Eine gute Strategie gibt Orientierung, ohne zu determinieren.

Elemente einer Gestaltungsstrategie

Positionierung: Festlegung der angestrebten Wahrnehmung des Gestaltungsobjekts. Soll es seriös oder verspielt wirken? Traditionell oder innovativ? Exklusiv oder demokratisch? Die Positionierung bestimmt den kommunikativen Charakter aller späteren Gestaltungsentscheidungen.

Zieldefinition: Präzise Formulierung der angestrebten Wirkung. Diese Ziele sollten nach Möglichkeit operationalisierbar sein, also in beobachtbaren oder messbaren Größen formuliert werden. Beispiel: „Die Neugestaltung der Website soll die Verweildauer um 20 Prozent erhöhen“ statt „Die Website soll attraktiver werden“.

Zielgruppenansprache: Festlegung des kommunikativen Zugangs zur Zielgruppe. Welcher Tonfall ist angemessen? Welche ästhetischen Präferenzen sind zu berücksichtigen? Welche kulturellen Codes müssen beachtet werden?

Medienwahl und -hierarchie: Entscheidung über die einzusetzenden Medien und ihr Verhältnis zueinander. Handelt es sich um eine reine Printaufgabe? Ist ein digitaler Schwerpunkt vorgesehen? Wie interagieren verschiedene Medien miteinander?

Gestalterische Leitlinien: Grundsätzliche Festlegungen zur gestalterischen Richtung, etwa zur Farbwelt, Typografie oder Bildsprache. Diese Leitlinien sind noch nicht konkret ausgearbeitet, sondern formulieren Tendenzen.

Strategieformulierung und -kommunikation

Die erarbeitete Strategie muss dokumentiert und kommuniziert werden. Ein Strategiepapier enthält typischerweise:

  • Eine Zusammenfassung der Analyseergebnisse
  • Die formulierte Positionierung
  • Die definierten Ziele
  • Die abgeleiteten gestalterischen Leitlinien
  • Zeitliche und budgetäre Rahmenbedingungen

Dieses Papier dient der Abstimmung mit dem Auftraggeber und der Orientierung für alle am weiteren Prozess Beteiligten. Es sollte präzise, aber nicht übermäßig technisch formuliert sein, um auch Nicht-Gestaltern eine Beurteilung zu ermöglichen.


Phase 4: Ideation

Kreativität als Prozess

Die Ideationphase wird oft fälschlich als „die kreative Phase“ bezeichnet, als ob Kreativität nicht in allen Phasen des Gestaltungsprozesses gefordert wäre. Tatsächlich ist die Ideation die Phase, in der systematisch und methodisch Ideen für die gestalterische Lösung generiert werden.

Die Phase der Ideenfindung profitiert von einer bewussten Trennung zwischen Ideengenerierung und Ideenbewertung. Die gleichzeitige Anforderung, kreativ und kritisch zu sein, hemmt den Gedankenfluss. Daher arbeiten professionelle Gestaltungsprozesse mit einer strikten Trennung von divergenter Ideengenerierung und konvergenter Ideenauswahl.

Kreativitätstechniken

Brainstorming: Die bekannteste Technik zur Ideengenerierung. In einer Gruppe werden möglichst viele Ideen gesammelt, ohne sie zunächst zu bewerten. Wichtig sind klare Regeln: Keine Kritik, Menge vor Qualität, Aufgreifen und Weiterentwickeln fremder Ideen.

Brainwriting: Eine schriftliche Variante des Brainstormings, bei der Ideen auf Kärtchen notiert und weitergereicht werden. Dies verhindert, dass dominante Teilnehmer den Prozess bestimmen, und ermöglicht introvertierteren Teammitgliedern eine gleichberechtigte Beteiligung.

Mindmapping: Visualisierung von Gedankenzusammenhängen ausgehend von einem zentralen Begriff. Die Technik hilft, Assoziationen zu strukturieren und Verbindungen zwischen scheinbar getrennten Bereichen zu entdecken.

Morphologischer Kasten: Systematische Zerlegung des Problems in Parameter und Kombination verschiedener Lösungsmöglichkeiten für jeden Parameter. Die Methode zwingt zur systematischen Durchdringung des Lösungsraums.

Analogiebildung: Übertragung von Lösungsprinzipien aus anderen Bereichen. Wie löst die Natur ähnliche Probleme? Wie haben andere Disziplinen vergleichbare Herausforderungen bewältigt?

Visuelles Denken: Skizzenhafte Visualisierung von Ideen. Oft lassen sich Gedanken im Bild klarer fassen als im Wort. Schnelle, unperfekte Skizzen helfen, Ideen zu konkretisieren und zu kommunizieren.

Vom Quantitativen zum Qualitativen

Die Ideationphase beginnt mit einer möglichst breiten Sammlung von Ansätzen. In einem zweiten Schritt werden die gesammelten Ideen geclustert, priorisiert und erste Bewertungen vorgenommen. Diese Bewertung orientiert sich an den in der Strategiephase formulierten Kriterien.

Aus der Vielzahl der Ideen kristallisieren sich vielversprechende Ansätze heraus, die in der folgenden Konzeptionsphase weiterverfolgt werden.


Phase 5: Konzeption

Von der Idee zum Konzept

Die Konzeptionsphase verdichtet die vielversprechendsten Ideen zu tragfähigen Gestaltungskonzepten. Während Ideen noch flüchtig und fragmentarisch sein können, zeichnet sich ein Konzept durch Konsistenz, Durchdachtheit und Umsetzbarkeit aus.

Ein Gestaltungskonzept ist die detaillierte Beschreibung einer gestalterischen Lösung, die alle relevanten Aspekte berücksichtigt: ästhetische, funktionale, technische, wirtschaftliche und kommunikative.

Elemente eines Gestaltungskonzepts

Formales Konzept: Festlegung der grundlegenden formalen Gestaltungsmittel. Dazu gehören:

  • Farbkonzept: Bestimmung einer Farbpalette mit Haupt- und Akzentfarben, Festlegung von Farbfunktionen (Information, Emotion, Orientierung)
  • Typografisches Konzept: Auswahl von Schriftfamilien, Festlegung von Schriftgrößen, Auszeichnungen und Satzart, Definition von Hierarchien
  • Layoutkonzept: Grundsätzliche Ordnungsprinzipien, Rasterentscheidungen, Proportionen, Seitenarchitektur
  • Bildkonzept: Art der Bildverwendung, Bildstil, Verhältnis von Text und Bild, eventuell Illustrationsstil

Strukturelles Konzept: Aufbau und Organisation der Inhalte. Bei einer Website gehört dazu die Navigationsstruktur, bei einer Publikation die Gliederung, bei einem Plakat die Informationshierarchie.

Funktionales Konzept: Beschreibung der Interaktionsmöglichkeiten und Nutzungsabläufe. Bei digitalen Medien sind dies User Journeys und Interaktionsmuster, bei Printmedien die Lese- und Nutzungsführung.

Technisches Konzept: Festlegung der technischen Umsetzungsparameter. Welche Formate sind vorgesehen? Welche Produktionsverfahren kommen zum Einsatz? Welche technischen Standards müssen eingehalten werden?

Konzeptentwicklung und -darstellung

Die Entwicklung eines Gestaltungskonzepts erfolgt iterativ. Erste Skizzen und Layoutvarianten werden erstellt, verworfen, weiterentwickelt. Das Konzept wird zunehmend präziser und detaillierter.

Die Darstellung des Konzepts gegenüber dem Auftraggeber erfordert eine angemessene Präsentationsform. Je nach Aufgabenstellung können dies sein:

  • Konzeptpräsentationen mit erläuternden Texten und ersten visuellen Beispielen
  • Moodboards zur Veranschaulichung der angestrebten Stimmung
  • Strukturskizzen und Wireframes bei digitalen Projekten
  • Erste Layoutentwürfe für Schlüsselseiten
  • Gestaltungsraster und Systemskizzen

Die Konzeptpräsentation muss die Logik und Konsistenz des Vorschlags vermitteln und die Entscheidungen aus der Strategie nachvollziehbar machen.


Phase 6: Umsetzung

Von der Idee zum Produkt

Die Umsetzungsphase überführt das Konzept in ein fertiges Gestaltungsprodukt. Während die vorangegangenen Phasen primär denkend, planend und entwerfend arbeiteten, geht es nun um die konkrete Realisierung.

Die Umsetzungsphase stellt eigene Anforderungen: Präzision, Detailgenauigkeit, technisches Verständnis und Ausdauer sind ebenso gefordert wie die Fähigkeit, im vorgegebenen Zeit- und Budgetrahmen zu arbeiten.

Ausarbeitung und Detaillierung

Gestalterische Feinarbeit: Das Konzept wird auf alle Einzelseiten, -bildschirme oder -elemente übertragen. Jede Gestaltungsentscheidung muss im Rahmen des Gesamtkonzepts getroffen werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Details: Typografie im Kleinsten, Farbgenauigkeit, Passgenauigkeit von Elementen.

Textliche Ausarbeitung: Die endgültigen Textfassungen werden erstellt oder mit Textern abgestimmt. Überschriften, Fließtexte, Bildunterschriften, Call-to-Action-Elemente – alle textlichen Elemente erhalten ihre endgültige Form.

Bildmaterial: Die endgültige Auswahl, Bearbeitung und Platzierung von Bildern erfolgt. Gegebenenfalls müssen Fotos beauftragt, Illustrationen erstellt oder Grafiken produziert werden.

Technische Umsetzung: Bei digitalen Projekten beginnt die technische Realisierung: Entwicklung, Programmierung, Datenbankanbindung. Bei Printprojekten wird die Druckvorbereitung durchgeführt.

Produktion und Realisierung

Printproduktion: Erstellung druckfähiger Daten, Proofs zur Qualitätskontrolle, Abstimmung mit der Druckerei, Drucküberwachung, Weiterverarbeitung.

Digitalproduktion: Testing in verschiedenen Browsern und Endgeräten, Optimierung der Ladezeiten, Umsetzung responsiver Anforderungen, Content-Management-System-Integration.

Sonstige Medienproduktion: Je nach Aufgabenstellung können dies Film- und Animationsproduktion, Ausstellungsbau, Objektdesign oder andere Spezialbereiche sein.

Qualitätssicherung

Die Qualitätssicherung begleitet die gesamte Umsetzungsphase. Sie umfasst:

  • Kontinuierliche Prüfung der Übereinstimmung mit dem Konzept
  • Technische Tests und Kontrollen
  • Korrekturlesen und Rechtschreibprüfung
  • Farb- und Druckkontrollen
  • Funktionstests bei interaktiven Produkten

Erst wenn alle Qualitätskontrollen durchlaufen sind, gilt das Produkt als abgeschlossen.


Phase 7: Reflexion

Bedeutung der Reflexionsphase

Die Reflexionsphase wird in der Praxis oft vernachlässigt, ist aber für die professionelle Entwicklung von Gestaltern von großer Bedeutung. Sie dient der Auswertung des abgeschlossenen Projekts und der Gewinnung von Erkenntnissen für zukünftige Aufgaben.

Reflexion bedeutet nicht nur Kritik, sondern systematische Auswertung: Was ist gelungen? Was könnte verbessert werden? Welche Erkenntnisse lassen sich für zukünftige Projekte ableiten?

Formen der Reflexion

Selbstreflexion: Die Gestalter analysieren ihre eigene Arbeit. Wie wurde der Prozess durchlaufen? Welche Phasen verliefen reibungslos, welche waren problematisch? Welche eigenen Stärken und Schwächen wurden deutlich?

Teamreflexion: Bei Teamprojekten wird die Zusammenarbeit ausgewertet. Wie funktionierte die Kommunikation? Wie wurden Entscheidungen getroffen? Was kann für zukünftige Teamarbeit verbessert werden?

Auftraggeber-Feedback: Die Rückmeldung des Auftraggebers wird eingeholt und ausgewertet. Ist der Auftraggeber mit dem Ergebnis zufrieden? Wurden die Ziele erreicht? Gibt es Kritikpunkte?

Nutzer-Feedback: Wenn möglich, wird die Wirkung der Gestaltung bei der Zielgruppe überprüft. Wurde das Produkt wie beabsichtigt angenommen? Gibt es messbare Ergebnisse?

Methoden der Reflexion

Soll-Ist-Vergleich: Abgleich der in der Strategiephase formulierten Ziele mit dem erreichten Ergebnis. Wurden die angestrebten Wirkungen erzielt? Wenn nicht: Woran lag es?

Prozessanalyse: Durchlauf des gesamten Prozesses mit kritischer Betrachtung jeder Phase. Wurden alle notwendigen Recherchen durchgeführt? War die Analysephase ausreichend? Hat die Strategie getragen?

Dokumentation: Die gewonnenen Erkenntnisse werden dokumentiert. Dies kann in Form eines Projektberichts, eines Learnings-Dokuments oder einer Falldarstellung für das Portfolio erfolgen.

Erkenntnistransfer

Die Reflexion schafft Erkenntnisse, die über das einzelne Projekt hinausweisen. Sie werden zu Bestandteilen des Erfahrungswissens des Gestalters und beeinflussen zukünftige Projekte.

Professionelle Gestalter pflegen ihr Erfahrungswissen systematisch: durch Projektdokumentation, durch Sammlung von Erkenntnissen, durch regelmäßige Auswertung ihrer Arbeit. Dies unterscheidet den erfahrenen Gestalter vom Anfänger, der jedes Projekt neu erfinden muss.


Prozessintegration und Praxisaspekte

Prozessschleifen und Iterationen

Das vorgestellte Phasenmodell ist idealtypisch. In der Praxis verlaufen Gestaltungsprozesse selten linear. Häufig sind Schleifen und Wiederholungen notwendig:

  • Erkenntnisse aus der Konzeption führen zu erneuter Recherche
  • Probleme in der Umsetzung erfordern eine Überarbeitung des Konzepts
  • Auftraggeber-Feedback macht eine Wiederholung von Phasen notwendig

Diese Iterationen sind kein Zeichen von Ineffizienz, sondern Ausdruck der Komplexität gestalterischer Problemlösung. Professionelles Prozessmanagement erkennt die Notwendigkeit von Schleifen und plant zeitliche Reserven dafür ein.

Rollen und Verantwortlichkeiten

Je nach Größe des Projekts und der Organisation können verschiedene Rollen am Gestaltungsprozess beteiligt sein:

  • Projektleitung: Gesamtverantwortung für Prozess, Zeitplan und Budget
  • Gestalter: Entwurfsarbeit in den verschiedenen Phasen
  • Art Direktion: Verantwortung für die gestalterische Qualität und Konsistenz
  • Texter: Entwicklung und Ausarbeitung der textlichen Inhalte
  • Technische Umsetzung: Realisierung der technischen Aspekte
  • Auftraggeber: Entscheidungsträger auf Kundenseite

Die klare Definition von Rollen und Verantwortlichkeiten ist Voraussetzung für einen reibungslosen Prozess.

Dokumentation und Kommunikation

Professionelles Prozessmanagement erfordert durchgängige Dokumentation und Kommunikation:

  • Projektplan: Zeitlicher Ablauf mit Meilensteinen
  • Briefing-Dokumente: Aufgabenstellung und Anforderungen
  • Recherche-Dokumentation: Gesammelte Materialien und Quellen
  • Analyse-Ergebnisse: Aufbereitete Erkenntnisse
  • Strategiepapier: Handlungsleitende Vorgaben
  • Konzeptpräsentationen: Darstellung der Lösungsvorschläge
  • Umsetzungsdokumente: Technische Spezifikationen, Templates, Styleguides
  • Abschlussdokumentation: Projektergebnisse und Erkenntnisse

Die Qualität dieser Dokumente entscheidet maßgeblich über die Professionalität der Gesamtleistung.


Die sieben Phasen im Überblick

Recherche – Systematische Sammlung aller relevanten Informationen zu Auftrag, Zielgruppe, Inhalt, Kontext und Wettbewerb.

Analyse – Ordnung, Gewichtung und Interpretation der gesammelten Informationen; präzise Formulierung der Gestaltungsaufgabe.

Strategie – Ableitung handlungsleitender Vorgaben: Positionierung, Ziele, Zielgruppenansprache, Medienwahl, gestalterische Leitlinien.

Ideation – Systematische Generierung vielfältiger Lösungsansätze mit Hilfe von Kreativitätstechniken.

Konzeption – Verdichtung vielversprechender Ideen zu konsistenten, durchdachten und umsetzbaren Gestaltungskonzepten.

Umsetzung – Realisierung des Konzepts als fertiges Gestaltungsprodukt mit allen notwendigen Ausarbeitungs- und Produktionsschritten.

Reflexion – Auswertung des abgeschlossenen Projekts und Gewinnung von Erkenntnissen für zukünftige Aufgaben.

Zentrale Prinzipien

Divergenz und Konvergenz: Erfolgreiche Gestaltungsprozesse wechseln systematisch zwischen öffnenden Phasen (Recherche, Ideation) und schließenden Phasen (Analyse, Konzeption, Umsetzung).

Problem vor Lösung: Gründliche Problemanalyse vor der Lösungsentwicklung erhöht die Qualität der Ergebnisse.

Nutzerzentrierung: Alle Entscheidungen orientieren sich an den Bedürfnissen und Eigenschaften der Zielgruppe.

Iteration: Gestaltung ist ein zyklischer Prozess; Schleifen und Überarbeitungen sind normal und notwendig.

Dokumentation: Nachvollziehbarkeit und Kommunikation erfordern durchgängige Dokumentation der Prozessschritte.

Typische Anfängerfehler

Überspringen der Recherchephase: Direkter Einstieg in die Gestaltung führt oft zu oberflächlichen oder unangemessenen Lösungen.

Vernachlässigung der Strategie: Fehlende strategische Leitplanken führen zu beliebigen oder inkonsistenten Ergebnissen.

Vorschnelle Festlegung: Zu frühes Festlegen auf eine Idee verhindert das Erkunden besserer Alternativen.

Fehlende Trennung von Ideenfindung und -bewertung: Gleichzeitiges Generieren und Kritisieren von Ideen hemmt die Kreativität.

Vernachlässigung der Reflexion: Fehlende Auswertung verhindert das Lernen aus Erfahrung.


Ausblick: Prozessdenken in der zeitgenössischen Gestaltungspraxis

Das hier dargestellte Phasenmodell ist nicht statisch zu verstehen. Die zeitgenössische Gestaltungspraxis entwickelt das Prozessdenken kontinuierlich weiter:

Agile Methoden aus der Softwareentwicklung beeinflussen zunehmend auch Gestaltungsprozesse. Kurze Iterationszyklen, regelmäßiges Nutzer-Feedback und flexible Anpassung an neue Erkenntnisse gewinnen an Bedeutung.

Design Thinking hat als menschenzentrierter Innovationsansatz das Prozessdenken popularisiert und für viele Anwendungsbereiche außerhalb der klassischen Gestaltung geöffnet.

Data-driven Design integriert empirische Daten aus Nutzertests, Webanalysen und anderen Quellen systematisch in den Gestaltungsprozess.

Co-Creation bezieht Nutzer und andere Stakeholder aktiv in den Gestaltungsprozess ein und erweitert damit das traditionelle Expertenmodell.

Diese Entwicklungen ergänzen und modifizieren das klassische Prozessverständnis, ohne es außer Kraft zu setzen. Die grundlegende Logik des gestalterischen Problemlösens – vom Verstehen des Problems über die Entwicklung von Lösungen bis zur Realisierung und Reflexion – bleibt auch in diesen erweiterten Ansätzen erhalten.


Literatur zur Vertiefung

Für eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Gestaltungsprozess seien folgende Werke empfohlen:

Buxton, Bill (2007): Sketching User Experiences. Getting the Design Right and the Right Design. Amsterdam: Elsevier.

Cross, Nigel (2011): Design Thinking. Understanding How Designers Think and Work. London: Bloomsbury.

Lawson, Bryan (2006): How Designers Think. The Design Process Demystified. Oxford: Architectural Press.

Lewrick, Michael/Link, Patrick/Leifer, Larry (2018): Das Design Thinking Playbook. München: Vahlen.

Müller-Brockmann, Josef (1996): Rastersysteme für die visuelle Gestaltung. Sulgen: Niggli.

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